Zeitflug

 

Was ist bloß mit der Zeit los? Ich habe mich nur mal kurz umgedreht – und schon ist wieder ein Jahr vergangen. Ein Jahr waren wir in Südamerika. Über ein Jahr ist es her dass wir zurückgekehrt und in Italien gelandet sind. Über ein Jahr, dass Odilia ausgezogen ist. Fast ein Jahr, seit sie und Alduin begonnen haben zu studieren. Ein Jahr schon, dass wir unsere Alm gefunden haben und dort ein neues Lebensprojekt verwirklichen. Einiges ist schon längst wieder so sehr Alltag geworden, Gewohnheit, dass es uns gar nicht mehr besonders scheint, was wir hier machen. Wir leben sehr einfach, ohne viel zivilisatorischen Komfort, Duschkabine auf der Terrasse, Kompostklo draussen. Man gewöhnt sich gern wenns drumherum so schön ist. Nur wenn ich manchmal Freunden oder Fremden erzähle wie wir leben und dabei erstaunte, verwunderte, auch faszinierte und befremdete Reaktionen erhalte, werde ich daran erinnert, wie sehr wir unser Leben eigentlich verändert haben. Und ich freue mich immer noch darüber. Keine Reue, nicht ein Gedanke daran.

Natürlich gibt es ja sowieso eine ganze Menge Kontinuität in unserem Leben.

Wir üben unsere Berufe aus. Wir versuchen, gute Eltern zu sein. Wir halten den Kontakt zu unseren alten Freunden und Bekannten. Kaufen nur Bio – Lebensmittel, streiten über die gleichen Sachen wie früher, haben die Probleme und Sorgen genauso dabei wie unsere alten Autos, der Schreibtisch ist immer noch ein undurchdringliches Dickicht…

Was hat sich also verändert?

Am wichtigsten: unsere Umgebung, das Klima, Licht und Luft der Südalpen, eine andere Sprache, eine andere Mentalität.

Ein winziges Haus mit viel Platz drumherum mitten in der Natur, ohne Nachbarn lädt zu ständigem Draussensein ein. Eine Menge Tiere brauchen die Aufmerksamkeit der Jugendlichen; Pferde, Hunde, Katzen, Hühner und Enten wollen betreut werden, Ställe mussten gebaut, Glucken bei der Brut und Aufzucht unterstützt und Küken gewärmt werden. Zwei Junge Katzen bekamen wir im Alter von fünf Wochen geschenkt. Sie wurden mit der Spritze weiter aufgezogen und entdeckten, dass unsere Junghündin kuschelig und geduldig ist. Sie wurde schnell als Mutterersatz adoptiert. Die zwei Pferde waren anfangs nicht zum reiten zu gebrauchen, zickig, ängstlich und unvertraut. So mussten Margarita und Luisa fast ein halbes Jahr an ihrem ersten Ausritt arbeiten. Der Erfolg blieb nicht aus und die Geduld und Mühe wurde belohnt, zum Glück.

Dann der Anbau. Im März grub Margarita eine Terrasse in den Hang: ihren Garten. Ihre ersten Vorziehversuche und Aussaaten waren wenig erfolgreich, aber das ermutigte ihr intensives Studium von Maria Thuns Erfahrungen für den Garten. So konnte sie dann unsere reichlich gesetzten Obstbäumchen mit Brennessseljauche und Schachtelhalmtee vom Pilzbefall befreien. Inzwischen hatten aber die Hühner ihren Garten befallen und das erste zarte Keimen von diesem und jenem ausgerupft. So kommt dann eins zum andern, vom Gartenzaun bis zum Jungpflanzenkauf.

Inzwischen ist es August und es ist doch einiges von unserem Saatgut aufgegangen, Bohnen, Kürbis, Melonen, Kartoffeln, Tomaten und Zucchini sehen grossartig aus und schmecken auch so, selbst die Maulbeerbäume haben uns ein paar Früchte gereift und beim Rest der Obstbäume vertrauen wir mal aufs nächste Jahr.

Die Scheune ist in Arbeit und das gemauerte Gewölbe des darunter befindlichen Stalles sowie die Aussenwände sind abgefangen und entlastet. In Bälde wird ein Aushub für das projektierte Vordach und die Fossa (Abwassergrube) gemacht. Das Ab – und Neueindecken des undichten Scheunendaches umkreisen wir noch immer, denn die Schindeln sind grosse Granitplatten …

Auch sonst ist viel getan und mehr zu tun, wovon am besten ein Besuch vor Ort einen Eindruck geben kann 🙂

Dafür bieten wir ab sofort unseren secret camping an, mit Optionen vom einfachen Zeltplatz bis zum camp-and-breakfast im Strohzelt mit bequemen Betten, Kompostklo und sogar Warmwasserdusche! Infos unter +49 1522 3251657

Zwischendrin habe ich ab und zu Aufführungen und bin beim Faust-Projekt der Goetheanumbühne eingesprungen. Oliver macht auf Anfrage des Bürgermeisters eine kleine Ausstellung seiner Werke, Skulptur und Malerei, in Brosso. Es entstehen neue Bilder und Skulpturen, der Ort inspiriert zu vielem.

Die Zeit fliegt, tempus fugit, verwandelt in Taten.