Olmuè/Chile, November 2015

Wie ich grade feststelle, hat mich die Schreibmuse seit zwei Monaten nicht mehr geküßt! Seit dem letzten Eintrag hat die Erde immer mal wieder ein wenig gebebt, nichts Schwerwiegendes aber. Nichts im Vergleich zu den Erschütterungen, die Europa derzeit heimsuchen! Und das hat uns hier natürlich auch beschäftigt…

Aber was machen wir eigentlich?

Manchmal fühlt es sich an, als drehten wir uns im Kreis.

Es gefällt uns gut hier, deswegen suchen wir Land zum Kaufen. Dann wieder erschrecken wir über Landpreise in dieser fünften Region, die nicht im Verhältnis zur Brauchbarkeit des Bodens stehen. Doch gibt es Flecken hier, die sind so bezaubernd, mit nativem Wald, mit einem überwältigenden Artenreichtum an Pflanzen und mit einem Klima, in dem eigentlich alles wächst, wenn man nur Wasser hat, dass man nur noch da herumlungern möchte, einfach nur Da Sein.

Das Hauptthema ist dabei das Wasser. Hat ein Stück Land Wasser oder nicht? Damit steht und fällt alles. Muss man einen Brunnen bohren? Wie tief muss der sein? Der Grundwasserspiegel ist gesunken, Folge einer Trockenzeit von acht Jahren. Die Wüste schreitet voran, Folge von Abholzung und Monokulturen von Avocados, für die das Flusswasser trockene Hänge hochgepumpt wird und dort mangels Diversität verdunstet. Das Flusswasser kommt aus den Anden, wo große, internationale Minengesellschaften Gletscher abschmelzen, um Kupfer, Gold, etc. oder auch Mineralien abzubauen. Wie der deutsche Konzern Simens stolz vekündet, wird das Wasser, das in den Steinmühlen gebraucht wird, rückstandslos verdampft. Dank fortschrittlicher Technologien, made in Germany. Verdampft. Das letzte Wasser. In der Wüste.

Die chilenischen Städte und Gemeinden sind natürlich stets besorgt, das Trinkwassernetz weiter auszubauen, wer „agua potable“ hat, ist schon Teil einer besseren Zukunft, Werbeslogan „Chile mejor“. Das jedes agua potable nicht nur mit Chlor, sondern auch mit Fluor angereichert wird, sind die Chilenen gewohnt. Und das Widerstand zwecklos ist, scheinen viele verinnerlicht zu haben, wobei Fluor ja auch apathisch macht . Wer kann, greift dann zu „Quellwasser“ aus der Plastikflasche, wahlweise aus dem Hause Nestle oder Coca Cola.

All das macht es uns nicht leichter, darauf zu vertrauen, dass wir in Chile für einige Zeit am richtigen Ort sind.

Und gleichzeitig wäre ich damit beim Thema der neuen Weltordnung.

Ich mache dazu hier grade meine Beobachtungen.

In Chile kann man nämlich alles kaufen. Alles. Das Land ist seit der Ära Pinochet so investorenfreundlich, das heute kaum noch wichtige Dinge in Staatsbesitz sind. Damit hat dann die chilenische Bevölkerung auch gar keinen Einfluss mehr auf die Gestaltung ihres Landes. Dieser Einfluss liegt in den Händen großer Minengesellschaften, weltumspannender Mischkonzerne (s.o.) und großer Investmentfonds, die z.B. die Autobahnen bauen und betreiben. (wie z.B. Familie Benetton, ja das sind auch die Klamotten Hersteller)

Andererseits funktioniert dadurch auch Infrastruktur und Logistik sehr gut, Internet gibts fast überall, Autobahnen werden ausgebaut, von denen man sich fragt, wer von den 20 Millionen Chilenen die befahren soll. Wenn etwas kaputtgeht, wie bei der Überschwemmung im März 2015 im Norden, so ist es faszinierend zu sehen, wie mit ameisengleicher Geschwindigkeit und Präzision eine alte Strasse durch eine Neue ersetzt wird, von den Anden bis zum Meer. Das sind bauliche Meisterleistungen. Sie dienen den Minen.

Und wer sein Haus, Hab und Gut verloren hat, der kann sich auf die wunderbare Solidarität der Menschen hier verlassen. Man hilft sich. Ganz selbstverständlich.

 

Noch nie habe ich diese Aufteilung der Welt, diese Ordnung, so stark erlebt wie hier.

Auf der einen Seite die Multis, denen so ziemlich alles gehört und die alles im größeren Rahmen gestalten, ob ein Tunnel gebaut wird oder eine Mine oder ein Flughafen.

Auf der anderen Seite die Menschen, die entweder mitspielen und mit reich werden oder Frondienste leisten, aber in der Gestaltung ihres Alltages sehr unbehelligt bleiben.

Man kann nämlich in vielen Dingen hier machen was man will. Ein Haus bauen, einen Laden oder ein Restaurant eröffnen, eine Schule gründen: alles ganz einfach. Hauptsache, man zahlt seine Steuern?  Wer dann noch etwas Geld einsetzt, ist eben ein Investor, er ist willkommen. Freie Marktwirtschaft at its best.  Das ist abstossend und anziehend zugleich. Es ist eben auch frei für dich und mich und das, was wir unternehmen wollen. Solange man den Multis nicht in die Quere kommt, ist man hier sehr frei. Aber die Multis kommen einem eben auch ständig in die Quere, mit ihren Abholzungs-, Abschmelzungs-, Monokultur-, Trinkwassermonopol- und anderen Projekten.

Da sie aber freie Hand in allem haben, ist Chile auch sehr ungefährdet. Ungefährdeter als Argentinien, dass seine wirtschaftliche Aufmüpfigkeit mit Importverboten und Deflation sühnt. Ungefährdeter als Griechenland, dessen Volk versucht hat die Geschicke des Landes in die eigenen Hände zu nehmen, ungefährdeter als ein Europa, in dem eine starke Zivilgesellschaft aufbegehrt gegen Austeritätspolitik, Freihandel und geheime Schiedsgerichte; ein Europa, in dem Ideen wie die der Lokalwährung, der zinsfreien Kredite oder des bedingungslosen Grundeinkommens die bisherige Welt-Wirtschaftsordnung auf den Kopf (oder besser: auf die Füsse) zu stellen versuchen.

Interessant dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Weltordnung_(Verschwoerungstheorie)

(In diesem Artikel findet man aus heutiger Sicht sehr interessante „Verschwörungstheorien“.)

 

Die Flüchtlingskrise, die Ukrainekrise, die furchtbaren Anschläge in Paris, sie tragen den Krieg nach Europa, nachdem europäische Regierungen sich lange und weltweit in Kriege verwickelt haben, die wirtschaftliche Interessen schützen sollten.  Hauptziel der Angriffe ist aber eine immer selbstbewusstere Zivilgesellschaft, die sich mit den Weltereignissen kritisch auseinandersetzt und die wie in Griechenland für sich in Anspruch nimmt, Gestalter im eigenen Land sein zu wollen. Sie gilt es zu destabilisieren, zu spalten und moralisch zu zersetzen. Divide et impera, alles wie immer.

Davon sind die Chilenen weit entfernt, sie leben seit der Diktatur dank Pinochet und CIA in einem Modellstaat mit klarer Ordnung.

 

Viele Dinge kann man in Chile  fast nicht mehr kaufen. Zum Beispiel gutes Essen, aus Bioanbau. Frischen Fisch oder Meeresfrüchte zu angemessenen Preisen. Landwirtschaftliche Produkte ohne Chemie und Gentechnik.

Das ist frustrierend. Das geht an die Lebensgrundlagen. Und so drehen wir uns grade im Kreis, begeistert und abgestoßen zugleich.

Chile ist ein wunderschönes Land. Die Chilenen sind friedliche, freundliche Menschen. Menschen in einem Land, dem man  eine bessere Zukunft wünscht, als ausgeblutet auf der Müllhalde der Geschichte zu landen. Ob wir dabei eine Rolle spielen?