Rosen für Portugal

Heute, am 25. April 2015, jährt sich zum 41. mal der Tag der Nelkenrevolution in Portugal, jener friedlichen und fast unblutigen Abschaffung einer 42 Jahre bestehenden Diktatur (1932 – 1974). Heute ist portugiesischer Nationalfeiertag. Mit Stolz blicken die Portugiesen auf einen einzigartigen Umsturz ihrer Gesellschaftsordnung.
Doch es sind auch die Folgen jener Diktatur, jener Entmündigung der Menschen, an denen das Land bis heute zu leiden scheint. Nicht in guten Zeiten, die den Tourismus an die wunderschönen Küsten gebracht haben; aber jetzt, seit mit der Krise 2008 die Tourismusindustrie eingebrochen ist, Ferienhaussiedlungen verwaist, halb leer oder gepfändet dastehen und viele Portugiesen sich mit einem Mindestlohn von rund 500 Euro durchschlagen müssen, ist Lethargie zu spüren. Es ist der lange Schatten der Diktatur, wenn Menschen sich gegen die von oben verordneten Massnahmen nicht zur Wehr setzen – noch leben die Generationen, die unter den Schrecken einer allgegenwärtigen Geheimpolizei großgeworden sind – ebenso wie in Spanien (faschistische Diktatur 1923 – 1930 und 1939 – 1975) und Griechenland (faschistische Diktatur 1967 – 1974). Man hat verinnerlicht, zu schweigen und zu dulden. Grosser Nutzniesser dieser herbeigefolterten Mentalität waren übrigens dann auch die Nordländer der EU (früher EWG), die dem Süden seit dieser Zeit zum einen den Tourismus bescherten und zugleich ihre landwirtschaftliche Planwirtschaft diktieren konnten – was dazu führte, dass mit riesigen, verwüstenden Monokulturen der ländliche Infrastruktur, den Wasserreserven und der Bodenfruchtbarkeit – vielleicht unwiderruflich – der Garaus gemacht wurde.
Was den Portugiesen akut hilft, ist der familiäre Zusammenhalt und die Tatsache, dass viele von ihnen Wohneigentum besitzen. Auf dem Wochenmarkt kann man sich günstig mit Obst und Gemüse versorgen, das zum großen Teil von alten Menschen feilgeboten wird, die hier die Überschüsse aus ihren Gärten anbieten. Zum Beispiel Orangen, das Kilo für 35 Cent.
Es gibt tatsächlich jetzt eine Rückbesinnung, zaghaft noch, auf den Eigenanbau, auf die Verkleinerung der Strukturen. In manchen Gemeinden fasst die Transitionsbewegung Fuß.

Ihr Motto: „bestehende nachhaltige Strukturen in einer Gemeinschaft zu stärken und Strukturen, die nicht nachhaltig sind, sich selbst zu über- und kollabieren zu lassen.“ Wobei nachhaltig nicht im kapitalistischen Sinne gemeint ist.
Portugal ist heute wirtschaftlich gesehen eines der Schlusslichter der EU, dem von teutonischer Überheblichkeit ebenfalls Sparpolitik als bittere Medizin verordnet wurde. Aber die Portugiesen haben schon vor 41 Jahren gezeigt, wozu sie in der Lage sind, wenn der Leidensdruck zu hoch ist: sie steckten Nelken in die Gewehrläufe und sangen die Diktatur hinweg.