Little Goa

Es gibt eine Affinität zwischen portugiesischen Hoheitsgebieten und Hippies. Remember Goa? Hier an der Algarve gibt es Orte, da fühlt man sich 40 – 50 Jahre zurückversetzt. Nicht nur, was die Dichte an Bioläden angeht, sondern auch im Hinblick auf eine Hippie-Subkultur, die fast schon mainstream ist. Jedes zweite Wohnmobil sieht aus wie vom Abenteuerspielplatz. Es gibt zwei Gemeinden im Hinterland, Barao de Sao Miguel und Barao de Sao Joao, in denen in den 80ern noch Landnahmen durch Aussteiger stattfanden, die inzwischen legalisiert wurden. Es gibt hunderte von illegal errichteten „Häusern“ jeglicher Bauart in den Hügeln, in denen Aussteiger residieren oder hausen, je nach dem. Es gibt eine Gruppe von Punks, die Biogemuese anbauen und auf den Markt nach Vila do Bispo bringen, wo man bei Heike und den Hippiemädels ein super Grundsortiment an Bioware finden kann.

Es gibt einen Biobauern, der seine Woofer-Unterkünfte im Schilf tarnt, vermutlich eher mangels Genehmigung als wegen des Klimas. Und es gibt Barranco beach, wo sich zwischenzeitlich ganze Hippiedörfer etabliert hatten, in Wohnmobilen und Zelten. Das wurde dann allerdings auch den Portugiesen zu bunt und sie räumten mal auf und verbarrikadierten die Zufahrt mit Felsbrocken – worauf die community mit Seilwinden anrückte und die Zufahrt wieder freiräumte.
Man kann sich fragen, ob alle, die so hippie verkleidet sind, wirklich vom Hippiespirit erfüllt sind, oder eher von was anderem….
Jedenfalls findet die community hier einen der wenigen, vermutlich letzten Freiräume in Europa, und das ist richtig herrlich. Die Portugiesen drücken also meistens ein bis eineinhalb Augen zu, wenn sich ein Pulk von Wohnmobilen bunter Machart an bestimmten Buchten und Stränden festsetzt, und das oft für Monate. Vieles davon sind nicht die üblichen WoMo-Rentner, die sich in verbiesterter Zweisamkeit von Stellplatz zu Stellplatz hangeln, sonder sogar junge Familien(!), die hier das Leben und die Natur genießen.
Möglich, dass Dealen die Haupeinkommensquelle mancher ist; möglich auch, dass hinter gelebter Kapitalismuskritik ein fettes Bankkonto lauert – aber es ist ein sehr buntes Volk von Surfern, Esoterikern und rainbow family, das hier in Ruhe gelassen wird.
Übrigens: Hippie ist zwar auch eine Mode, aber jedes Jahr finden weltweit noch echte rainbow-gatherings statt, die den Spirit jenseits von outfit hochhalten. Die rainbow family (in den USA sind das mal so 20’000 Leute bei einem Treffen) lebt dann für bis zu einen Monat in der Pampa zusammen und pflegt Gemeinschaftssinn, Konsenskultur, Spiritualität und was ihnen sonst grade so einfällt. Es ist ein Leben ohne Hierarchie, dafür mit „foodcircle“, gemeinsamem Gebet für den Weltfrieden und einen „magic hat“, aus dem alle Ausgaben bestritten werden.
Das kann man natürlich belächeln und spinnert finden (was ich sicher nicht tue!) aber wenn weltweit tausende Menschen jedes Jahr zusammenkommen und versuchen, über Gemeinschaftsbildung nicht nur zu reden, sondern sie zu leben, so schaffen sie damit ein Bild und eine Realität, die leise aber machtvoll neben den anderen sozialen Realitäten steht, an denen unsere Welt krankt.
Ihre Mission: Heilung der Erde.
PS. Einen schönen Einblick in die rainbow-family gibt die site: welcomehome.org