Geschichten über Freunde

Vor über zwanzig Jahren machte Oliver in der Spedition von Franz in Freilassing einen Ferienjob als LKW-Fahrer. Bald darauf wanderten Franz und Gela mit ihren beiden Söhnen nach Portugal aus, an die Algarve. Einer der Hauptgründe war die Asthmaerkrankung des älteren Sohnes; der Leidensdruck durch die Krankheit war sehr hoch – und das Atlantikklima mit der reinen Luft hatte sich bereits bei einem Urlaub als heilsam für das Asthma gezeigt. Ausserdem hatten sie den Traum, eigenes Land zu haben und nach ihren Vorstellungen zu gestalten – ein Traum, der im teuren Bayern mit ihren Mitteln nicht zu verwirklichen gewesen wäre. Sollte es für immer ein Traum bleiben?
Sie kauften ein Stück karges Land an Europas südwestlichem Ende, nicht weit weg vom Meer, aber doch in einer Hügellandschaft, die ein geschützteres Klima versprach als die immer windige Küste. Kurze Zeit später wurde das Land, auf dem sie ihr Haus errichten wollten, Teil eines neu geschaffenen Landschaftsschutzgebietes, dem es vermutlich zu verdanken ist, dass nicht die ganze Algarve von Investoren mit Golfplätzen überschwemmt werden konnte. Für Franz und Gela bedeutete es aber, dass sie innerhalb kurzer Frist ihr Haus errichten mussten, da sonst die Baugenehmigung verfallen wäre. Gleichzeitig zeigte sich in vielerlei Hinsicht, dass ihr Leben Deutschland auch nicht einfach weiterlaufen konnte. So mussten sie sich voll und ganz auf ihr neues Leben einlassen.
Unsere Wege trafen sich, als wir vor sechzehn Jahren für einen Monat in den Süden wollten. Oliver knüpfte den Kontakt wieder an und wir kamen ferienhalber in das neugebaute Haus mit der kleinen Ferienwohnung. Hier feierte Alduin seinen ersten Geburtstag. Einer meiner stärksten Eindrücke aus jener Zeit ist, wie Gela jeden morgen loszog, ihr Land zu bepflanzen – und vor allem zu bewässern. Der Südhang des damals vier Hektar grossen Grundstückes war steinig und trocken, jedes grüne Blatt schien dem Boden abgetrotzt werden zu müssen.
Als wir vier Jahre später, wieder im Frühling, kurz vorbeikamen, war schon einiges gewachsen, doch immer noch dominierte der steinige Boden das Land. Wirtschaftlich hatte es auch mal Durststrecken gegeben, doch gelang es Franz und Gela mit ihrem Einsatzwillen und ihrer Risikobereitschaft, sich zu etablieren.
Bei unserem diesmaligen Frühlings-Aufenthalt wussten wir zunächst nicht mal, ob die beiden noch da sind. Wir rekonstruierten den Weg, den wir zuletzt vor zwölf Jahren gefahren waren und landeten schliesslich bei dem wohlbekannten Anwesen, nun aber vor verschlossenem Tor, hinter dem uns vier Hunde anbellten.

Doch dann erschienen auch Gela und Franz, die uns erst zögernd wieder erkannten.
Es entpann sich ein lebhafter Austausch und wir konnten erfahren, wie es den beiden in der verstrichenen Zeit ergangen war.
Sie begegneten ihrer Aufgabe: schwererziehbare Jugendliche bei sich aufzunehmen und zu betreuen. Es war nicht ihr erlernter Beruf, sondern ihre Berufung, die sie hier fand. Seit Jahren kommen Jugendliche aus Deutschland zu ihnen, um mit ihnen gemeinsam einen Weg ins Leben zu finden.
Angefangen hatten Franz und Gela mit einer Urlaubsvertretung für eine Bekannte. Dann stiegen sie selber ein, ergänzten nach und nach ihre Ausbildung – und die Ferienwohnung wurde Unterkunft für junge Menschen aus zum Teil schwierigsten Milieus. Bis zu vier Jugendliche gleichzeitig können hier betreut werden; die Kinder kommen in ein Paradies und weit weg von allem Gewohnten.
Nun suchen die beiden zur Verstärkung für ihre Arbeit noch einen oder zwei Sozialpädagogen, um auch mal Pause machen zu können. Ein separates Haus mit 70m² steht bereit, der Arbeitsrahmen ist flexibel.
Was man hier findet, ist ein blühender Garten mit Palmen, duftenden Blumen und Obstbäumen, drei Esel, vier Hunde und zwei Pädagogen, etwas erschöpft von einem harten Berufsalltag – aber glücklich und sinnerfüllt. Und natürlich findet man hier Jugendliche, die einen ganz sicher auf Trab halten.