Ein anderer Blick

Jetzt, wo wir vieles Bisherige hinter uns gelassen haben um einen neuen Ort für uns zu finden, ist das Reisegefühl ganz anders als sonst. Waren wir sonst voller Erholungspanik und Enthusiasmus, so ist unsere Stimmung jetzt wesentlich nüchterner, der Blick kritischer und vielleicht auch klarer.

Von außen betrachtet geben wir sehr authentische Touristen ab, glaube ich: mit an den ersten Tagen geröteten Gesichtern, umgehängter Kamera, an Kassen und Marktständen radebrechend, im Pulk an Uferpromenaden oder zum Strand trottend…niemand sieht uns im Moment an, was wir vorhaben. Auch für uns fühlt sich alles noch wie eine Ferienreise an, wir chillen und lassen uns treiben – die meiste Zeit.

Allein der Umstand, dass wir wissen und fühlen, dass es kein „Zurück“ mehr gibt, ändert unseren Blick, unsere Wahrnehmung. Wir setzen uns anders in Beziehung zu den Orten, die wir bereisen, weil meist die Frage im Hintergrund steht: „Könnten wir hier leben?“

Es sind viele Ebenen, auf denen diese Frage andere Fragen nach sich zieht, sehr konkret: das Klima, die Sprache, die Mentalität, die Wirtschaft, menschliche Kontakte, Netzwerke, Aufgaben, Marktlücken, Rechtslagen, Steuerfragen, Einwanderungsbedingungen politisches Klima….viele Dinge müssen durchleuchtet werden, um die Situation für uns zu evaluieren. Besonders fruchtbar sind Gespräche mit Auswanderern, aber auch das Lesen von Zeitungen, das Einkaufen und Herumfahren, das Beobachten der Infrastruktur geben viele Aufschlüsse über die Alltagswirklichkeit eines Landes. So zu reisen bedeutet, wachsamer zu sein für Eindrücke und innere und äußere Stimmungen, nach Innen und Außen genau zu beobachten und durch intensiveres Zuhören die Umgebung zum Sprechen zu bringen.