„Die Menschen machen den Ort“

Nachdem ich nun versucht hatte zu beschreiben, warum wir mit unserem Sprung ins Unbekannte ausgerechnet in Canavieiras gelandet sind, kommt jetzt eine erste gefühlte Resonanz auf unseren „Aufprall“ auf bahianischem Boden.

Es ist ein weiser Satz, den ich in Portugal von einem österreichischen Biobauern hörte, als ich ihn fragte, ob er an der Algarve den richtigen Ort gefunden habe. Er sagte schlicht: „Die Menschen machen den Ort!“

Auch das ist ja nur ein Teil der Wirklichkeit, aber doch ein besonders wichtiger, zumindest für uns! Welchen Menschen begegnen wir an den Orten, die wir besuchen?

Und weiter: was entsteht aus den Begegnungen?

Man kann ja vieles an einer Reise planen: das Ziel, die Fortbewegungsmethode, den Aufenthaltsort, das Gepäck…

aber welche Menschen unseren Weg kreuzen, das gehört zum Allerspannendsten überhaupt!

Merkwürdig dabei ist, dass man sich meist gar nicht wundert über die Begegnungen. Sie geschehen einfach – und viele bleiben natürlich oberflächlich und folgenlos. Aber das ist kein Muß. Je mehr wir anfangen, ein grundsätzliches Interesse für diese Begegnungen zu haben ohne etwas zu erwarten, desto mehr gibt es die Möglichkeit, dass etwas Ungeahntes, Neues entsteht.

Das ging bei uns so: Im Flugzeug von Lissabon nach Salvador bändelt unser Kleinkind mit einer sympathischen, sehr dunkelhäutigen Brasilianerin (so vermuten wir) an. Die Dame spricht dann unerwartet Deutsch – und los geht das.

Das Kleinkind ist ohnehin ein regelrechtes PR-Genie, und als es sieht, das wir uns auch alleine weiter unterhalten, beginnt es mit der Unterhaltung der anderen Fluggäste.

Im Gespräch mit Magali stellt sich heraus, das sie aus Salvador stammt, jetzt aber in Zürich lebt und nur für eine Woche nach Salvador reist. Sowohl sie als auch wir hatten online die vom Computer zugeteilten Sitzplätze geändert und so saßen wir nun also fast nebeneinander. Nach dem ich erzählt habe, was wir vorhaben, bietet sie sofort an, uns (ggf. auch aus Zürich) in Brasilien zu helfen, wenn was wäre. Das hat sie auch gleich am Flughafen getan, als sie Sorgen hatte, dass wir skrupellosen Taxifahrern in die Hände fallen würden: sie organisierte uns Taxis zum Fixpreis, dann verschwand sie in die Nacht. Aber wir sind in Kontakt geblieben und sie hat mich mit weiteren Leuten von hier vernetzt und so bekommt Brasilien von Anfang an ein Gesicht, eine konkrete menschliche Beziehung.

So geht es dann weiter, unser erster Gastgeber in Salvador ist ein Schweizer, Fabien, eigentlich Architekt, der vor zwei Jahren ausgewandert ist und nun in Lauro de Freitas die absolut empfehlenswerte Pousada „Villa Tropicale“ betreibt.

Er erzählt uns seine Erlebnisse mit dem Bauen in Brasilien, (nicht so toll), was uns ja brennend interessiert. Gerne will er uns helfen, wenn wir noch Fragen haben. Sehr nett!!!

Am nächsten Tag fliegen wir weiter nach Ilheus und werden von einem skrupelosen brasilianischen Taxifahrer die 2km ins Hotel in zwei Fuhren a 30 Real gebracht (laut Internet Tarifrechner kostet der Taxikilometer nirgends in Brasilien über 3 Real. Wir zahlen also das Fünffache, können uns aber mangels Sprachkenntnissen nicht beklagen…

Da der Taxifahrer nicht nur skrupellos, sondern auch geschäftstüchtig und fürsorglich und eigentlich ganz nett ist, überzeugt er uns davon, nicht mit dem öffentlichen Bus sondern mit ihm und einem zweiten Taxi die 120km nach Canavieiras zurückzulegen. Zum Fixpreis von 500 Real. Was im Vergleich zu dem Flughafentransfer so günstig ist, das wir nicht ablehnen können.

Doch erst heißt es, noch in Ilheus übernachten. Und da steht doch vor dem Hotel auf der Strasse eine Gruppe von Jugendlichen, deren einer besonders hübsch ist und, wie unsere Älteste begeistert feststellt, nicht nur einen Six- sondern sogar einen eightpack als Bauchschmuck sehen läßt. Unser Sohn wird daraufhin etwas blass, während die Tochter gleich ein Lächeln hinüberwirft – und schon haben wir den dunkelhäutigen Schönen für uns eingenommen.

So zeigt er uns am nächsten Tag bereitwillig, wo der Bus in die Innenstadt anhält, da die Haltestellen nicht markiert sind. Und als er sieht, wie verloren wir dastehen, ohne der Landessprache mächtig zu sein, bietet er, der Englisch spricht, uns seine Begleitung an.

Erleichtert nehmen wir an und verbringen den Vormittag mit seiner Hilfe. Zum Dank gebe ich ihm 50 Real als Fahrtgeld und lade ihn ein, uns in Canavieiras zu besuchen.( Das macht er dann auch am übernächsten Wochenende und die Jugendlichen haben es ganz nett miteinander, wie man weiter unten sehen kann.)

Unser skrupelloser Taxifahrer, der ein ausgezeichneter Fahrer ist, liefert uns von Ilheus kommend bei Felix ab, dem nächsten Schweizer, unserem Vermieter. Der lässt erst mal im Schweizer Tonfall durchblicken, wie wenig er von Europäern  hält und belehrt uns auch sonst gleich tüchtig. Er verhilft uns aber auch zu einer Original Brasilianischen Mietwagenerfahrung, nachdem wir feststellen müssen, dass wir ohne Auto bei unserer Bleibe ziemlich aufgeschmissen sind.

Um an den Mietwagen in Canavieiras zu kommen, müssen wir etwa sieben Kilometer laufen. Oliver und ich samt Kleinkind marschieren also los, einkaufen müssen wir auch noch, denn wir haben ja noch gar nichts zu essen und zu trinken.

Mit Felix Wegbeschreibung und unserer Erschöpfung waren wir dann so aufgeschmissen, dass wir im Ort wie aufgescheuchte Hühner hin und her liefen und den Autovermieter doch nicht fanden. Als wir dann völlig fertig und kurz vor Ladenschluss in den Mobilfunkshop von „Oi“ einfielen, war Rettung nah. Gegen Felix Rat („Geht zu vivo“) versuchten wir der netten Dame bei „Oi“ eine Simkarte abzukaufen. Da aber die Sprachbarriere zu hoch war, rief sie ihren Sohn mehrfach an, der uns übersetzte und schließlich selbst erschien und alles für uns regelte, sogar das mit dem Mietwagen. Ihm gebührt noch eine Spezialseite, er hat uns hier am allermeisten geholfen und uns nach seinen Möglichkeiten auch in das Dorfleben eingebunden. (Bruno und seine Mutter, siehe Titelbild)

Mit dem eigentlichen Veranlasser unseres Herkommens, dem Schweizer Daniel Konzett, blieb der Kontakt etwas dünn. Er signalisierte, dass ihm an Leuten nicht so viel liegt, da wollten wir nicht weiter stören. Aber mit ihm kann man sich wenigstens gut unterhalten, wenn man ihn mal trifft und er gute Laune hat.

Auch die Fazendakäufer, die wir durch Daniel kennen lernen, einen Schweizer und einen Deutschen, sind sehr nett, wir treffen sie zweimal, der Schweizer kommt uns sogar zweimal noch besuchen, aber so richtig Kontakt kriegen wir nicht.

Ja, und das ist das Fazit der ersten sechs Wochen in diesem grossen, dünnbesiedelten Land: sozial gesehen bleibt es für uns noch etwas dünn, es ist schwer für uns, wirklich anzuknüpfen, warum auch immer.

Aber wir haben ja noch etwas Zeit.