Als wir unser Haus an der Algarve im Internet buchten („Alleinlage auf 4ha grossem Grundstück“), ahnten wir nicht, dass wir einen Nachbarn haben würden, der mit seinem Wohnwagen fast direkt vor unserer Haustür campierte. Da wir etwas später am Abend anreisten, gab ich dem Vermieter Bescheid, der meinte „kein Problem, Euer Nachbar wohnt eh auf dem Grundstück, der wartet auf Euch und gibt Euch den Schlüssel“. Unser Nachbar, aha.

Nachdem wir uns dann in der Finsternis bis zum Haus durchgeschlagen hatten, das gastfreundlich erleuchtet war, und den Schlüssel auf dem Küchentisch liegend fanden, tauchte auch unser Nachbar auf – eine Erscheinung von 1,90m Höhe, mit Kapuze und breitem Lächeln, und sagte uns Willkommen. Das war sehr schön, auch wenn er ein bisschen unheimlich wirkte, ein wenig wie ein Einsiedler und ziemlich wie ein Hippie. Ein Hippie-Einsiedler, den wir in den folgenden vier Wochen näher kennen lernen durften.

Wenn er erzählte, bildete sich immer bald schon eine Traube von begierigen Zuhörern um ihn.

Ich nenne ihn den Weltenreisenden. Er ist weit herumgekommen und zugleich ist er ein Reisender in den Ländern der Seele und des Geistes, aus denen er Vieles und Abenteuerliches zu berichten weiss.

Geboren in Ostberlin, wählte er mit sechzehn den Beruf des Pferdepflegers und kam schon nach zweijähriger Ausbildung in verantwortliche Position im Gestüt, in der er sich wohlfühlte. Die Wende traf ihn mit einundzwanzig und er konnte zunächst seinen Beruf im Westen fortführen. Dabei lernte er den Kapitalismus gleich besser kennen. Nach einem Reitunfall musste er sich einen neuen Beruf suchen und ging nach Hamburg, um sich zum Speditionskaufmann ausbilden zu lassen. Sein Ausbilder übernahm ihn in die Firma, ein solides alteingesessenes Unternehmen. Er liess es sich wohlsein, verdiente und lebte gut.

Die zweite, innere Wende erlebte er mit achtundzwanzig. Er reiste nach Indien, kam zu den alten Stätten traditioneller Spiritualität und war fasziniert davon, wie in Indien alles nebeneinander Platz findet: tiefste meditative Schulung in friedlicher Koexistenz mit krassem Materialismus.

Er wurde durch seine Begegnung mit der alten Kultur selber zum Geistessucher. Er probierte sich durch vieles hindurch, begann mit Reiki, meditierte, mit und ohne Drogen, reiste herum und gewann einen völlig neuen Blick auf sein eigenes und das allgemeine Leben. Er traf auf die rainbow-family, besuchte gatherings auf der halben Welt und erlebte die Ansätze gesellschaftlicher Wandlungsmöglichkeiten direkt mit.
Nun hatte er beschlossen, in seinem Leben weitere Konsequenzen aus dem Erlebten zu ziehen. Er, der innerlich aus dem materialistischen Alltag schon lange ausgestiegen war, äusserlich aber sein Leben als Solartechniker in Deutschland verbrachte, beschloss den Ausstieg weiter zu treiben und sich eine neue, stimmigere Existenz in Portugal aufzubauen. „Deutschland: zu kalt und zu stressig.“ Also lebt er bereits einige Zeit des Jahres an der Algarve, schraubt derweil seine materiellen Ansprüche herunter und geht dann im Sommer seiner Tätigkeit in Deutschland noch zum Geldverdienen nach.
Wenn er bei uns vorbeikam und in ein Gespräch verwickelt wurde, dann erzählte er von seinen inneren und äusseren Erlebnissen so anschaulich, dass die Augen unserer Kinder zu leuchten begannen. Wir haben an ihm eine tolle Mischung aus ernster Begeisterung für Spiritualität, Alltagstauglichkeit und Originalität erlebt und waren uns schnell einig: gut, dass wir so einen netten Nachbarn haben!!!“