Liebe B…

wie versprochen schicke ich Dir einen etwas ausführlicheren, gewiss auch polemischen Bericht von dem, was mich auf unserer Reise besonders umtreibt: die Frage nach einer zeitgemäßen Erziehung und Bildung.
Im Gepäck habe ich unter anderem Schillers Briefe zur ästhetischen Erziehung sowie den Auszug aus Goethes Wilhelm Meister zur pädagogischen Provinz. Und Rudolf Steiner, by heart.

Wir sind ja auch deswegen unterwegs, auf der Suche nach einem neuen Ort zum Leben, weil wir unsere Kinder nicht mehr im deutschen/schweizerischen Schulsystem gesehen haben, und obwohl wir die Kinder fast ausschließlich in Waldorfschulen untergebracht hatten.
Der Eindruck, den wir schon in Europa hatten, dass das System und seine Ausrichtung an sich falsch ist, hat sich auf unserer Reise massiv bestätigt. Warum?

Wir wollten den Schritt wagen, uns aus dem System heraus zu begeben, um es deutlicher verstehen zu können. Dieser Schritt war im Hinblick auf die Zukunft der Kinder (Abschlüsse, Berufsaussichten, Bildung…) keineswegs angstfrei. Das System ist mächtig. Lebensbestimmend.
Es war unser Glück, dass wir sehr bald nach Südamerika gingen, erst nach Brasilien, dann nach Chile. Auch hier regiert zwar das System, in Chile z.B. kann nur zur Oberschicht gehören, wer studiert hat, was monatliche Studiengebühren von mindestens 600 Schweizer Franken bedeutet. Wem aber die Zugehörigkeit nicht so wichtig ist, der kann eigentlich mit etwas Kapital alles machen, wozu er Lust hat. Und wer kein Kapital hat, der kann bei genügend Initiative dennoch etwas Kleines aufbauen.
Es ist viel mehr Platz und Mut zur Initiative da, alles ist weniger reguliert als in Europa, insgesamt bejahender. Das ist eines der positivsten ersten Erlebnisse.

 

Und dann kommt die andere Seite: wir reisen ein wenig in Brasilien und sehr viel in Chile, zwei kurze Ausflüge führen uns nach Argentinien. Was wir dabei sehen ist die gnadenlose und unwiderruflich scheinende Zerstörung von Landschaften atemberaubender Schönheit, von Klimata in denen genug und so Verschiedenes wachsen würde, um die ganze Welt zu ernähren. Der Zustand aber ist schlimmer als von Europa aus gedacht. Fest im Griff der Multinationalen, allen voran Nestle und Coca Cola im Wasser und Lebensmittelsektor, und Minengesellschaften wie Barrick Gold, deutschen Waldfonds mit Investment in angeblich nachhaltige Forstwirtschaft, werden diese Länder in Hochgeschwindigkeit zu Wüsten gemacht. Wörtlich.
Eifriger Mithelfer ist die völlig bildungsfreie Landbevölkerung, die die zum Teil strengen Forstgesetze durch Brandstiftung umgehen um dann die staatlichen Prämien für Soja (Fleischproduktion) oder – in Indonesien – für Palmöl einzuheimsen. Wir wissen das ja alles als aufgeklärte Europäer, auf unser Konsumverhalten hat das Wissen meist wenig Einfluss.
Wir, die wir so massiv beschult worden sind und so viel wissen: unser Verhältnis zum Leben, zur Welt ist insgesamt von eben soviel Ignoranz geprägt wie das der absolut ungebildeten Landbevölkerung Brasiliens. Das ist mein Fazit.

Viele Fragen treiben mich um. Unter anderem:
Was ist es, was wir in unserem Erdendasein lernen sollen/wollen?
Wenn Schulen Einweihungsorte waren, was ist dann heute ihre Aufgabe?
Was ist der Unterschied zwischen Bildung und Wissen?

Einige allgemeine Gedanken dazu (sicher besteht noch Ordnungsbedarf):
Das Schulleben heute ist ein Abfüllen mit Wissen, das zu bestimmten Momenten abrufbar bleibt und uns in weiten Teilen zu wandelnden Köpfen macht. Wir alle bemerken, dass wir das meiste davon schneller vergessen als wir es gelernt haben, der moralische sowie der praktische Wert dieser Inhalte bleibt fragwürdig. Im besten Falle ist es die ein oder andere Lehrerpersönlichkeit, das soziale Leben einer Klasse, dass uns in guter, vielleicht prägender Erinnerung bleibt. Doch unbewusst prägt unsere Schullaufbahn uns weit mehr, bis in unsere Konstitution, in unsere Lebenskräfte hinein. Aber:
Die Dinge, die unseren Ätherleib ausformen, bilden uns im Guten wie im Schlechten. Was unseren Astralleib anregt, wird zu Weltinteresse oder zu Vorurteil, Selbstbezogenheit, Angst, Antipathie. Die Ermutigung zur Selbstverwirklichung macht uns zu freien Gestaltern unserer Lebenswelt, so wie Entmutigung und Negativbeurteilung nur wenige unbeschadet überstehen.
Darauf zielt doch die Waldorfpädagogik: Bildung wird Fähigkeit, Wesen und Ausdruck. Der Geist wird so frei und beweglich, dass er sich jederzeit das Wissen selbst aneignen kann, das benötigt wird.

Es ist schon lange her, dass Schulen Einweihungsorte waren. Seither sind sie zu Verwahranstalten für Kinder mit berufstätigen Eltern geworden, die mittels Schmalspurbildung zu funktionierenden Konsumenten herangezogen werden.
Um dabei nur eine im Grunde ganz erstaunliche Tatsache hervorzuheben: ab dem ersten Schultag werden die Kinder daran gewöhnt, sich einer Fremdbeurteilung unterzuordnen. Ob mit Benotung, Beschreibung(Staatsschule) oder Orientierungsgespräch (Waldorfschule): wie kommt es eigentlich, dass wir das so selbstverständlich finden, von anderen beurteilt zu werden und eigentlich ab Tag eins lernen, dass dieses Urteil maßgeblich wird für unseren zukünftigen Lebensweg? Man versteht Rudolf Steiner immer besser, wenn er vom Verhältnis von Lob und Tadel spricht: sieben mal loben, bevor man einmal tadelt….
Theoretisch fragt die Waldorfschule nach der Individualität. Immer wieder hört man im Selbstverständnis der Waldorflehrer, sie seien dazu da, die individuellen Fähigkeiten der Kinder entwickeln zu helfen. Doch auch hier stülpt sich oft das Wissen um Lehrplan und Methode, gepaart mit der tief verinnerlichten eigenen Schulerfahrung – wenn Du jetzt nicht still bist, gehst du raus und schreibst die Schulordnung ab – über die lebendige Begegnung zweier Individualitäten.

Wohin zielt das Ganze? Was ist es, was wir in unserem Erdendasein lernen sollen/wollen?
Und was wollen wir tun?

Die Entfremdung von der Natur führt dazu, dass wir sie zerstören wenn wir glauben sie zu nutzen.
Die Entfremdung von der göttlich geistigen Welt und das Herunterreißen der Seelen in das Netzwerk des Untersinnlichen führt zu einer Blendung, die das Wahrnehmen der menschheitlichen Zukunftsbilder verdunkelt.

Angesichts dieser Gegenwart ist die von Rudolf Steiner so weisheitsvoll und zukünftig angelegte Waldorfpädagogik erst am Anfang ihrer Potentialentfaltung. Zu lange hat sie meiner Meinung nach angestrebt, die staatlichen, systemischen Schulanforderungen zu bedienen. Es wird Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen und fuer die eigene, spirituelle, anthroposphische Einsicht grade zu stehen und sie zu vermitteln. Nicht nur den Pädagogikstudenten, die häufig in einer Midlifecrisis im Crashkurs zum Klassenlehrer werden sollen… nein, auch den Schülern, in einer deutlichen Vermittlung spiritueller, anthroposophischer Grundlagen künstlerischer, praktischer und auch philosophischer Natur! Und wenn jetzt jemand sagt: Nein, das geht nicht, wir sind doch keine Weltanschauungsschule!, dann erwidere ich: jede Schule ist eine Weltanschauungsschule. Und für den Schüler wie für die Umwelt ist es wesentlich gesünder, ein anthroposophisch geprägtes Bild z.B. vom Herzen als umkreisbewegt zu bekommen als das der staatlichen materialistischen Weltanschauungsschule, die den Menschen zum Mechanismus erklärt.
Die Schule wieder zum Einweihungsort werden zu lassen, der einweiht in die Erdenwelt durch tätiges Lernen in Kunst und Handwerk wie in die geistige Welt durch die freien Künste und die Anthroposophie, der, wie Steiner es nennt, den Kindern das richtige Atmen und Schlafen beibringt, also sie zu Bürgern der irdischen wie der geistigen Welt heranzieht, ist eine große Aufgabe. Für diese Aufgabe braucht es Ausbildungsorte mit explizit anthroposophischer Ausrichtung, die es sich leisten können müssen, ihre Studenten sorgfältig auszuwählen. Es braucht Schulen explizit als Einweihungsorte, die es sich leisten können und wollen, die  anthroposophischen Ansätze dem Staatsschulsystem entgegenzusetzen (statt es zu bedienen) und die es sich leisten können müssen, jedes Kind aufzunehmen, dass diese Schule sucht.

Wir werden also weitersuchen, nach Menschen, Orten, Initiativen die weltweit diesen Wandel zu einem erweiterten Verständnis der Menschenbildung suchen und/oder unternehmen (wollen) um mit ihnen in einen Austausch zu kommen.

Aus Chile grüße ich Dich ganz herzlich!

Deine A…
PS…
Rudolf Steiner: Ansprache am Vorabend des Kurses „Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik“ Stuttgart, 20. August 1919
(…)Die Waldorfschule muss eine wirkliche Kulturtat sein, um eine Erneuerung unseres Geisteslebens der Gegenwart zu erreichen. Wir müssen mit Umwandlung in allen Dingen rechnen; die ganze soziale Bewegung geht ja zuletzt auf Geistiges zurück (die soziale Bewegung ist zuletzt aufs Geistige zurückgeworfen), und die Schulfrage ist ein Unterglied der großen geistigen brennenden Fragen der Gegenwart. Die Möglichkeit der Waldorfschule muss dabei ausgenützt werden, um reformierend, revolutionierend im Schulwesen zu wirken. Das Gelingen dieser Kulturtat ist in Ihre Hand gegeben. Viel ist damit in Ihre Hand gegeben, um, ein Muster aufstellend, mitzuwirken. Viel hängt davon ab, dass diese Tat gelingt. Die Waldorfschule wird ein praktischer Beweis sein für die Durchschlagskraft der anthroposophischen Weltorientierung. Sie wird eine Einheitsschule sein in dem Sinne, dass sie lediglich darauf Rücksicht nimmt, so zu erziehen und zu unterrichten, wie es der Mensch, wie es die menschliche Gesamtwesenheit erfordert.
Alles müssen wir in den Dienst dieses Zieles stellen. Aber wir haben es nötig, Kompromisse zu schließen. Kompromisse sind notwendig, denn wir sind noch nicht so weit, um eine wirklich freie Tat zu vollbringen. Schlechte Lehrziele, schlechte Abschlussziele werden uns vom Staat vorgeschrieben. Diese Ziele sind die denkbar schlechtesten, und man wird sich das denkbar Höchste auf sie einbilden. Die Politik, die politische Tätigkeit von jetzt wird sich dadurch äußern, dass sie den Menschen schablonenhaft behandeln wird, dass sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Menschen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behandeln wie einen Gegenstand, der an Drähten gezogen werden muss und wird sich einbilden, dass das einen denkbar größten Fortschritt bedeutet. Man wird unsachgemäß und möglichst hochmütig solche Dinge einrichten, wie es Erziehungsanstalten sind. Ein Beispiel und Vorgeschmack davon ist die Konstruktion der russischen bolschewistischen Schulen, die eine wahre Begräbnisstätte sind für alles wirkliche Unterrichtswesen. Wir werden einem harten Kampf entgegengehen, und müssen doch diese Kulturtat tun.
Zwei widersprechende Kräfte sind dabei in Einklang zu bringen. Auf der einen Seite müssen wir wissen, was unsere Ideale sind, und müssen doch noch die Schmiegsamkeit haben, uns anzupassen an das, was weit abstehen wird von unseren Idealen. Wie diese zwei Kräfte in Einklang zu bringen sind, das wird schwierig sein für jeden einzelnen von Ihnen. Das wird nur zu erreichen sein, wenn jeder seine volle Persönlichkeit einsetzt. Jeder muss seine volle Persönlichkeit einsetzen von Anfang an.(…)